Die Lüge über Lächeln, positiv Denken und Verzeihen

Nachdenklich sitze ich vor dem Pc, als ich anfange diese Zeilen zu tippen. Den ganzen Nachmittag schon kommen mir verschiedene Erinnerungen in der Sinn. Situationen in denen ich selber schwer krank war oder extrem niedergeschlagen. Ich denke darüber nach, mit welchem Rezept sich Not beenden ließe. Eine universelle Antwort gibt es wohl nicht. Wenn ich an meine früheren und aktuellen Ängste, Sorgen und Erkrankungen denke, höre ich es in meinem Herzen schreien: „Ich will ich sein! Einfach nur ich sein! Und ich will das auch zeigen dürfen!“ Aber was bedeutet das?

Ich bin in einem familiären Umfeld aufgewachsen, in dem viel Wert darauf gelegt wurde zu funktionieren und nach außen eine Fassade zu wahren, egal wie es in mir aussieht. Dem entsprechend bin ich mit meinen Gefühlen umgegangen, sofern Sie überhaupt noch spürbar wurden. Lächeln, Funktionieren, Klappe halten. Als ich vor drei Jahren körperlich schwer krank wurde, ließ sich dieses Muster noch eine Zeit lang so fortführen, bis es schließlich zusammenbrach. Ich war eigentlich dazu gezwungen Stunden abzusagen und notwendige Behandlungen an mir durchführen zu lassen, aber ich dachte nicht daran, mich von meinem Körper klein kriegen zu lassen, bis er mich irgendwann ans Bett fesselte und den Funktionsmodus mit allem was er zur Verfügung hatte beendete. Herzrythmusstörungen, Krampfanfälle, Stoffwechselentgleisungen, Entzündungen überall im Körper, Schmerzen, Ohnmacht. Entsprechend meiner Profession machte ich mich auf die Suche nach der geistig-seelischen Ursache, dessen, was mein Körper nun so vehement auzudrücken versuchte und bemühte mich sämtliche gut gemeinten Ratschläge umzusetzen. „Positiv Denken!“, „Stell dir vor, wie du wieder gesund bist!“, „Lass dich nicht hängen!“, „Lächeln, das macht gute Gefühle!“, etc.
Gesagt – getan!
Ich lächelte, dachte positiv, stellte mit vor, wie es sein wird, wenn ich wieder gesund bin und natürlich hatte ich die Ursache daran festgemacht, dass ich alte Verletzungen nicht loslassen und verzeihen konnte, was also in Angriff genommen werden musste. Nach vorne schauen!
Die Reaktionen meines Körpers waren prompt. Mit jedem „positiven“ Gedanken noch eine schippe an Schmerz und unerträglichen Symptomen oben drauf, bis ich irgendwann nicht mal mehr Essen konnte. Mehrmals landete ich im Krankenhaus. Die Medikamente schlugen nicht oder nur teilweise an und gegen viele reagierte ich allergisch. Ich kämpfte um mein Leben.
Die Rettung brachte eines Tages meine beste Freundin, als ich vor Zorn, dass meine Bemühungen so gestraft würden und nicht fruchteten, voll Verzweiflung weinend mit ihr telefonierte.
„Meinst du nicht, dass du mal aufhören solltest vor deiner Erkrankung und vor dir selbst wegzulaufen?“
Nicht gerade das, was ich hören wollte und erwiderte entsprechend gereizt, dass ich das nicht täte und mich doch so viel damit beschäftigen würde.
„Nein. Du beschäftigst dich damit, wie du deine Symptome wieder los wirst, deine Geschichte verharmlost und wie es weiter geht, aber nicht damit, wie es dir jetzt wirklich geht und was die alten Erinnerungen wirklich in dir auslösen.“
Das Gespräch veränderte mein Leben.
Ich fing an zu lernen mich selbst zu spüren und einfach so zu sein, wie ich bin, zu weinen, den emotionalen Schmerz und die Ohnmacht in mir zu sehen und auszuhalten und erlaubte mir wütend zu sein und zu hassen. Ich hängte das „Verzeihen“ an den Nagel und begann mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, weil sie nicht Vergangenheit war, sondern meine Gegenwart bestimmte.
Die Medikamente fingen langsam an anzuschlagen, je mehr ich mich darauf einlassen konnte und mein Körper begann sich zu regenerieren.

Heute gehe ich wieder mit Freude meiner Heilerinnentätigkeit nach und habe aus dieser Zeit sicher auch viel dafür gelernt.
Ich erwarte nicht mehr, dass der Schmerz vorbei ist, wenn es in mir nunmal weh tut. Das hat seine Gründe und die Lösung finde ich nur, wenn ich hinschaue. Ich darf ohnmächtig sein. Ich erlaube mir manche Menschen für das zu hassen, was sie mir angetan haben und fühle mich gut dabei. Wenn ich wütend bin schreie ich und schlage auf Kissen ein, um das auszudrücken, was ausgedrückt werden will. Ich ziehe eine Fresse, wenn ich es für angebracht halte das zu tun und renne nicht mehr dauerlächelnd durch die Gegend, genauso wie ich aus vollem Herzen lache, wenn ich etwas einfach lustig finde.
Kurz: Ich versuche so gut ich kann „Ich“ zu sein und immer mehr herauszufinden, wer „Ich“ eigentlich ist.
Der Körper gibt mir recht und fühlt sich gut dabei.
Derzeit kann ich sogar wieder auf Medikamente verzichten.

Lächeln, Verzeihen und positiv Denken sind sicher wichtig und es ist gut selbst Hoffnung auf Heilung zu haben. Humor zu haben, erleichtert vieles. Die eigenen Gefühle so ernst zu nehmen, wie Sie nunmal sind, mit all dem Schmerz und den unverarbeiteten Erinnerungen umzugehen, sie zu sehen um sie letztlich gelöst zu integrieren, sind aber gleichwertige Bestandteile im Genesungsprozess. Vernachlässigen wir einen Teil stagniert die Heilung. Wenn wir es mit Lächeln und zukunftsorientiertem, positiven Denken übertreiben, kann das ebenso krank machen, wie etwa ungelöste Trauer oder Wut. Umgekehrt gesagt können gefühlte und gelebte Emotionen wie, Trauer, Schmerz, Wut und Hass ebenso heilen, wie Lächeln, positiv Denken und Verzeihen, wenn es das ist, was auf der „Waagschale“ im Leben bislang zu kurz kommt. Deshalb erachte ich es als so wichtig für die Heilung Klienten dabei zu unterstützen sich selbst und die eigenen unbeeinflussten Ursprungsemotionen (wieder) zu finden und dabei keine „Richtung“ vorzugeben. Ihr Körper, Ihre Seele und Ihr Geist wissen genau, was es braucht. Sobald wir wieder kongruent mit uns selbst sind, sind wir gesund.
Es gibt keine schlechten Gefühle, sie alle haben uns etwas wichtiges zu sagen und wollen uns helfen. Es ist wichtig Ihre Botschaft zu hören, dann sind die „schlechtesten“ unter ihnen die größten Heiler.

„Das habe ich losgelassen.“

„Und wo haben Sie’s hingeschickt!?“, frage ich interessiert nach.
Der Klient schaut mich verduzt an.
„Ich meine, wo haben Sie den verletzten Teil von sich hingeschickt, den Sie da „losgelassen“ haben?“
„Keine Ahnung.“, bekomme ich zur Antwort und schaue in ein etwas irritiertes Gesicht.
„Das ist schade.“, antworte ich, „Denn wenn der Teil noch da ist, dann werden wir ihn dringend für Ihre Heilung brauchen, weil er bislang nicht heil, sondern verdrängt ist, weil er nie wirklich mit seiner Botschaft beachtet wurde und immer nur weggehen sollte. Wenn er wirklich nicht mehr da sein sollte, weil sie Ihn „losgelassen“, bzw. weggeschickt haben, dann wäre das im schamaninschen Sinne Seelenteilverlust und wir sollten uns dringend auf die Suche danach machen, dass sie diesen wichtigen Teil wieder integrieren und heilen können.“
Tränen rinnen über sein Gesicht.
„Ich sehe, der schmerzliche Teil ist gar nicht so weit weg, oder?“, sage ich sanft.
Tränenlaufen. Kopfschütteln.
Gemeinsame stille. Beisammen sein. Gehalten werden.
„Freut er sich denn, dass er gerade gesehen wurde und jetzt Beachtung bekommt?“, frage ich nach einer Weile.
„Irgendwie schon, ja.“, sagt mir sein tränenüberströmtes Gesicht mit einem leisen Lächeln.
Danach fangen wir an darüber zu sprechen und uns mit den unterschiedlichsten Hilfen gemeinsam auf den Weg der Heilung dieses Klienten und dem Schmerz in Ihm zu machen.

Schmerzliche Erfahrungen loszulassen geht ebenso wenig, wie wir Erfahrungen an sich auslöschen können. Die Dinge, die wir erlebt haben, sind passiert und brauchen einen Platz in unserem Leben. Das heißt aber auch nicht, dass wir für immer verzweifelt oder traurig sein müssen, auch wenn ein Ereignis noch so schlimm war! Wir können die Trauer, Wut, Verzweiflung und den Schmerz die ein Erlebnis ausmacht, nicht wegmachen, indem wir versuchen sie zu vergessen oder „nach vorne zu schauen“, wir können sie nur integrieren, ihnen Raum geben, das Erlebnis verstehen, einordnen und betrauern, so dass wir irgendwann damit gewachsen sind und neue Wege gehen. Es ist wichtig, dass das Alte seinen Platz in unserem Leben bekommt, um Raum für Neues zu eröffnen. Denn nur, wenn die Erfahrung ihren festen Platz hat, kann die Seele verstehen, dass sie vorbei ist.
Manchmal denkt man, dass das aber so unendlich viel Kraft kostet und man weiß gar nicht, ob man diese Kraft hat, den Schmerz auszuhalten ohne darunter völlig zusammenzubrechen. Ich möchte Ihnen Mut machen. Wenn Sie die Kraft dazu haben sich diese emotionalen Gewalten im Alltag vom Leib zu halten und bis jetzt überlebt haben, dann schaffen Sie es auch einmal wirklich hinzusehen und dafür die Kräfte, die sie bis dahin für die Beherrschung Ihrer Emotionen gebraucht haben endlich wieder frei für andere Dinge zur Verfügung zu haben. Und – Sie müssen da nicht alleine durch! Es gibt gute Hilfen und Rituale, die diesen Prozess beschleunigen und vereinfachen. Sanfte Methoden, die nicht überfluten. Dann ist es leichter.
Es lohnt sich!

Tränen sind für uns Menschen, wie Gießkannen für Blumen.
Wären sie nicht da, könnten wir nicht wachsen. Verweigert man einer Blume das Wasser, geht sie früher oder später daran zugrunde. Gießt man sie aber und erlaubt das „Regenwetter“, wie es kommt, schließt sie zwar Ihre Blüten zunächst und zieht nach innen, um sich zu schützen und von innen heraus zu wachsen. Die Kraft dieser „Regenzeit“ und des Wassers macht sie -gut genutzt – jedoch danach kräftiger und resistenter als vorher.

Das Eingangsbeispiel ist frei erzählt. Zwar kommen derartige Situationen bei meiner Arbeit als Heilerin durchaus so oder so ähnlich vor, dennoch bezieht sich der Text hier nicht auf eine spezifische Person oder Situation.