„Das habe ich losgelassen.“

„Und wo haben Sie’s hingeschickt!?“, frage ich interessiert nach.
Der Klient schaut mich verduzt an.
„Ich meine, wo haben Sie den verletzten Teil von sich hingeschickt, den Sie da „losgelassen“ haben?“
„Keine Ahnung.“, bekomme ich zur Antwort und schaue in ein etwas irritiertes Gesicht.
„Das ist schade.“, antworte ich, „Denn wenn der Teil noch da ist, dann werden wir ihn dringend für Ihre Heilung brauchen, weil er bislang nicht heil, sondern verdrängt ist, weil er nie wirklich mit seiner Botschaft beachtet wurde und immer nur weggehen sollte. Wenn er wirklich nicht mehr da sein sollte, weil sie Ihn „losgelassen“, bzw. weggeschickt haben, dann wäre das im schamaninschen Sinne Seelenteilverlust und wir sollten uns dringend auf die Suche danach machen, dass sie diesen wichtigen Teil wieder integrieren und heilen können.“
Tränen rinnen über sein Gesicht.
„Ich sehe, der schmerzliche Teil ist gar nicht so weit weg, oder?“, sage ich sanft.
Tränenlaufen. Kopfschütteln.
Gemeinsame stille. Beisammen sein. Gehalten werden.
„Freut er sich denn, dass er gerade gesehen wurde und jetzt Beachtung bekommt?“, frage ich nach einer Weile.
„Irgendwie schon, ja.“, sagt mir sein tränenüberströmtes Gesicht mit einem leisen Lächeln.
Danach fangen wir an darüber zu sprechen und uns mit den unterschiedlichsten Hilfen gemeinsam auf den Weg der Heilung dieses Klienten und dem Schmerz in Ihm zu machen.

Schmerzliche Erfahrungen loszulassen geht ebenso wenig, wie wir Erfahrungen an sich auslöschen können. Die Dinge, die wir erlebt haben, sind passiert und brauchen einen Platz in unserem Leben. Das heißt aber auch nicht, dass wir für immer verzweifelt oder traurig sein müssen, auch wenn ein Ereignis noch so schlimm war! Wir können die Trauer, Wut, Verzweiflung und den Schmerz die ein Erlebnis ausmacht, nicht wegmachen, indem wir versuchen sie zu vergessen oder „nach vorne zu schauen“, wir können sie nur integrieren, ihnen Raum geben, das Erlebnis verstehen, einordnen und betrauern, so dass wir irgendwann damit gewachsen sind und neue Wege gehen. Es ist wichtig, dass das Alte seinen Platz in unserem Leben bekommt, um Raum für Neues zu eröffnen. Denn nur, wenn die Erfahrung ihren festen Platz hat, kann die Seele verstehen, dass sie vorbei ist.
Manchmal denkt man, dass das aber so unendlich viel Kraft kostet und man weiß gar nicht, ob man diese Kraft hat, den Schmerz auszuhalten ohne darunter völlig zusammenzubrechen. Ich möchte Ihnen Mut machen. Wenn Sie die Kraft dazu haben sich diese emotionalen Gewalten im Alltag vom Leib zu halten und bis jetzt überlebt haben, dann schaffen Sie es auch einmal wirklich hinzusehen und dafür die Kräfte, die sie bis dahin für die Beherrschung Ihrer Emotionen gebraucht haben endlich wieder frei für andere Dinge zur Verfügung zu haben. Und – Sie müssen da nicht alleine durch! Es gibt gute Hilfen und Rituale, die diesen Prozess beschleunigen und vereinfachen. Sanfte Methoden, die nicht überfluten. Dann ist es leichter.
Es lohnt sich!

Tränen sind für uns Menschen, wie Gießkannen für Blumen.
Wären sie nicht da, könnten wir nicht wachsen. Verweigert man einer Blume das Wasser, geht sie früher oder später daran zugrunde. Gießt man sie aber und erlaubt das „Regenwetter“, wie es kommt, schließt sie zwar Ihre Blüten zunächst und zieht nach innen, um sich zu schützen und von innen heraus zu wachsen. Die Kraft dieser „Regenzeit“ und des Wassers macht sie -gut genutzt – jedoch danach kräftiger und resistenter als vorher.

Das Eingangsbeispiel ist frei erzählt. Zwar kommen derartige Situationen bei meiner Arbeit als Heilerin durchaus so oder so ähnlich vor, dennoch bezieht sich der Text hier nicht auf eine spezifische Person oder Situation.